Home Presse Berliner Woche, 06.10.2010
Berliner Woche, 06.10.2010

Bezirk will Ort des fairen Handels werden

Sechs öffentliche Einrichtungen unterstützen Kampagne/Noch sind nicht alle Kriterien für den Erwerb des Gütesiegels erfüllt

 

WILMERSDORF. Der Bezirk will bis Mitte nächsten Jahres "Fairtrade-Town" werden – das heißt ein Ort, wo es Produkte aus armen Regionen der Welt zu fairen Preisen gibt.

 

Das Siegel wurde 2002 in Großbritannien initiiert. Die bezirkliche Kampagne wurde von einer Reihe engagierter Bürger im April gestartet. Initiatorin ist Judith Siller, die sich schon seit mehr als 20 Jahren für faire Preise im Welthandel engagiert.

Es begann damit, dass im Vorraum der St.Ludwig-Kirche Kaffee, Teee, Honig, Schokolade und Bonbons aus Entwicklungsländern zu fairen Preisen verkauft wurden. Im November 1999 wurde der Eine-Weltladen "A Janela" in der Emser Straße 45 gegründet, der vom Verein "Eine-Welt St.Ludwig Berlin Wilmersdorf" getragen wird.

Um das Siegel "Fairtrade-Town" zu erhalten, müssen mehrere Kriterien erfüllt werden. Für eine lokale Steuerungsgruppe konnten Persönlichkeiten wie der Leiter des Umweltamtes, Wilhelm-Friedrich Graf zu Lynar, und der Fotograf Jim Rakete gewonnen werden.

Mit dem Engagement der Daniel- und der Epiphaniengemeinde, der St.Ludwig- und der Lindenkirche, der Nelson-Mandela- und der Marie-Curie-Schule sowie des Charlotte-Wolff-Kollegs ist das Kriterium übererfüllt, dass sechs öffentliche Einrichtungen an der Kampagne mitwirken und solche Produkte anbieten. Übererfüllt ist ebenso die Maßgabe, 42 Einkaufsstätten nachzuweisen, die Fairhandelsprodukte führen.

Schwierigkeiten bereitet noch, einen Beschluss der Bezirksverordneten herbeizuführen, dass in den Pausen ihrer Sitzungen solche Produkte angeboten und für repräsentative Zwecke des Bezirks verwandt werden. Dringen werden Gastronomen gesucht, die beispielsweise fair gehandelten Kaffee anbieten. 21 Betriebe sind nötig. Bisher konnte nur das Café im Pangea-Haus an der Trautenaustraße gewonnen werden.

"In den 20 Jahren unserer Arbeit", berichtet Judith Siller, "haben sich die Schwerpunkte verändert." Der Hauptumsatz wird zwar nach wie vor mit Kaffee und Kakao erzielt, doch sind Textilien in den Vordergrund getreten. "Hatten wir anfangs nur wenige Basics und T-Shirts, haben wir jetzt sogar eine Sommer- und eine Winterkollektion." Neben der Spielwarenherstellung und der Unterhaltungselektronik ist die Textilindustrie jener Zweig, wo in den Erzeugerländern die schlimmsten Zustände herrschen, erläutert Judith Siller.

Die Produktionsbedingungen macht sie Schulklassen gern in Workshops deutlich: "Die Schüler bekommen ein Nähset und können eine halbe Stunde lang probieren, einen Fußball zu nähen. Die Fußbälle werden in Pakistan immer noch mit 700 Stichen von Hand genäht. Für einen Ball bekommt der Näher 40 Cent. Am Tag stellt er drei her. In unseren Geschäften kostet der Ball 25 Euro."

Bei A Janela ist der Ball noch etwas teurer, da den Produzenten 60 Cent gezahlt werden, aber zur Fertigungsstätte "Talon Sports" gehören noch ein Gesundheitszentrum und eine Vorschule.

 

FW